Wege aus der Sucht |
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II. Internationales Symposium gegen Drogen, Zofingen 1997Am 12. und 13, April 1997 fand in Zofingen das II. Internationale Symposium gegen Drogen in der Schweiz statt. Referenten aus allen wichtigen Bereichen stellten ihre Analysen zur Drogenproblematik vor. Hauptveranstalter waren die nationalen Arztevereinigungen AIDS-Aufklärung Schweiz und Schweizer Arzte gegen Drogen, dazu kamen 32 mitveranstaltende Organisationen. Es nahmen über 600 Teilnehmer aus 15 Ländern teil. 65 Referenten sprachen an bis zu drei Parallelveranstaltungen über die verschiedensten Aspekte der Drogen- und HIV-Problematik. Im Verlaufe des Wochenendes stellten renommierte Wissenschaftler, Parlamentarier, Spezialisten der Polizei und Experten aus der Drogenarbeit aus aller Welt sowie zahlreiche Ex-Süchtige Schwerpunkte ihrer Tätigkeit und ihre Erfahrungen vor. Auf grosses Interesse stiessen auch die Beiträge von Parlamentariern aus Frankreich und den USA, besonders die Anwesenheit eines offiziellen Delegierten der amerikanischen Regierung. An oberster Stelle stand der Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse aus dem gesamten Umfeld der Drogenproblematik. Wissenschafter und Fachleute aus dem Drogenbereich stellten den Zusammenhang zwischen Drogen und Kriminalität her, zeigten die negativen Folgen und die gesundheitlichen Schäden des Drogenkonsums auf, widerlegten den Mythos der sogenannten «Überlebenshilfe», wiesen auf Erfolge anderer Staaten im Zusammenhang mit HIV-Prävention unter Drogensüchtigen hin oder stellten neue Gefahrenherde vor.
Vorwort Fakten für eine ehrliche Drogenpolitikvon Michael M. Weber , Publizist Das II. Internationale Symposium gegen Drogen in der Schweiz war ein grosser Erfolg: Über 600 Zuhörer verfolgten die Beiträge von Politikern, Wissenschaftern, Ärzten und Betroffenen aus dem In- und Ausland im Aargauer Städtchen Zofingen, wo am 12. und 13. April 1997 dieses Symposium stattfand. Trotz schönstem Wochenendwetter war der Stadtsaal an beiden Tagen bis auf den letzten Platz besetzt. Im Verlaufe des Wochenendes stellten renommierte Wissenschafter, Parlamentarier, Spezialisten der Polizei und Experten in der Drogenarbeit aus aller Welt sowie zahlreiche Ex-Süchtige Schwerpunkte ihrer Tätigkeit und ihre Erfahrungen vor. Auf grosses Interesse stiessen auch die Beiträge von Parlamentariern aus Frankreich und den USA. Besonders die Anwesenheit eines offiziellen Delegierten der amerikanischen Regierung wurde mit Aufmerksamkeit und Genugtuung zur Kenntnis genommen. Nicht nur die Veranstalter, die beiden Vereinigungen AIDS- Aufklärung Schweiz und Schweizer Ärzte gegen Drogen sowie die weiteren 32 Mitorganisationen, sondern auch die Referenten, Kongressteilnehmer und anwesenden Pressevertreter waren vom Verlauf beeindruckt. An oberster Stelle stand an der Veranstaltung der Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse aus dem gesamten Umfeld der Drogenproblematik. Wissenschafter und Fachleute aus dem Drogenbereich stellten den Zusammenhang zwischen Drogen und Kriminalität her, zeigten die negativen Folgen und die gesundheitlichen Schäden des Drogenkonsums auf, widerlegten den Mythos der sogenannten «Überlebenshilfe», wiesen auf Erfolge anderer Staaten im Zusammenhang mit HIV-Prävention unter Drogensüchtigen hin oder stellten neue Gefahrenherde vor, wie zum Beispiel Vergiftungen durch hanfhaltige Lebensmittel. Die Ergebnisse, die selbstverständlich nur ausschnittweise vorgestellt werden können, bieten einen Grundstock an verlässlichen Argumenten gegen die Tendenz zur Drogenliberalisierung, die nur weiteres Elend über eine Generation Jugendlicher bringen wird. Jean-Philippe Chenaux, Mitglied der Beratungskommission für Prävention und den Kampf
gegen Drogen des Schweizer Kantons Waadt, erinnerte die Zuhörer daran, dass die breite
Drogenliberalisierungskampagne ohne die Unterstützung der Medien nicht möglich gewesen
wäre und ist. Sie spielen eine mehr als unrühmliche Rolle, indem sie fast einstimmig auf
Seiten der Drogenliberalisierer stehen und mit aller Macht für soziale Akzeptanz der
Drogen sorgen. Dazu gehört, dass Stimmen, die sich kritisch zu Drogen äussern oder
wissenschaftliche Ergebnisse einbringen möchten, die der Liberalisierung schaden
könnten, ausgespart werden. Die Situation ist so ernst, dass Chenaux sich nicht scheute,
zu einem drastischen Bild zu greifen: «Gewisse Tageszeitungen haben einen
stalinistischen Abriegelungsmechanismus eingeführt, um jegliche Stellungnahme, die sich
gegen das Credo der Liberalisierungslobby richten könnte, auszugrenzen.» Persönlichkeitsveränderung und gesundheitliche Schäden «Alle Rauschgifte wirken auf das menschliche Gehirn ein», erklärte der Psychiater Dr. Florian Ricklin, «und zwar an Schaltstellen, die für das bewusste Denkvermögen und die Erlebnisverarbeitung verantwortlich sind, und in den Gehirnregionen, in denen wir Gefühle, Emotionen und Stimmungen lokalisieren können. Im Drogenrausch geschieht vereinfacht gesagt folgendes: Das menschliche Gehirn wird überschwemmt mit Substanzen, die grosse Ähnlichkeit mit körpereigenen Stoffen haben. Diese Substanzen beeinflussen Stimmungen und Gefühle, aber auch Denkabläufe, die Wahrnehmung, die Auffassung und die Verarbeitung von Erlebtem und das Gedächtnis.» Logischerweise hat Dauerkonsum auch dauerhafte Folgen. Eine Persönlichkeitsveränderung nimmt ihren Lauf. Ricklin weiter: «Mit dem Thema der Persönlichkeitsveränderungen bei Drogensucht dringen wir ins Zentrum des Rauschgiftproblems ein. Es sind nämlich diese Persönlichkeitsveränderungen, die die Gefährlichkeit der Drogen ausmachen - neben einigen körperlichen Folgen, die es natürlich auch gibt. Aber selbst wenn wir Drogen kennen würden, die keine körperlichen Gefahren in sich trügen, so müssten wir dennoch aufs eindringlichste vor ihnen warnen, denn jedes Rauschgift erzeugt Veränderungen der Persönlichkeit, das heisst Veränderungen des Menschen in seiner Individualität. Oder wie es die Genfer Philosophin, Professor Jeanne Hersch, in ihrem Einführungsreferat ausgedrückt hat: Drogensucht ist ein Verrat am Wesentlichen des Menschseins.» Wenn man berücksichtigt, dass gerade Jugendliche durch Drogen gefährdet sind, dann gewinnt dieser Sachverhalt noch eine schwerwiegendere Bedeutung: «Junge Menschen sind in besonderem Masse anfällig für die persönlichkeitsschädigenden Einflüsse der Drogen, denn ihre Persönlichkeit ist noch in Entwicklung begriffen. Der junge Mensch ist eben erst daran, seine Stellung und seinen Platz in der Welt und in der menschlichen Gemeinschaft zu finden. Die Gehirnforschung zeigt uns, dass in der Phase der Adoleszenz auch wichtige neurophysiologische Reifungsprozesse stattfinden. Drogenkonsum in dieser Phase zerstört die Entwicklungschancen der Jugend.» Neben der Persönlichkeitsveränderung müssen auch weitere medizinische Schäden berücksichtigt werden. Der Lehrbeauftragte für Drogenabhängigkeit und Suchtkrankheit an der Universität Karlsruhe, Dr. Lothar Hans Schreiber, beschrieb Verschlechterungen der Sehkraft, die eine Gefahr für Verkehrsteilnehmer darstellen. Ausserdem erwähnte er, dass Heroinkonsum Lungenödeme verursachen könne, was dann zu hochgradiger Atemnot führe. Die Sterblichkeitsrate sei hoch, tauche aber in Statistiken nicht auf, weil der Heroinkonsum als eigentliche Todesursache nicht genannt werde. Und der Leiter der Abteilung für klinische Forschung über Alkoholismus und Drogensucht am Karolinska-Institut von Stockholm, Professor Ulf Rydberg, wies auf den Zusammenhang von Cannabiskonsum und der Ausbildung von Schizophrenie hin. Soziale Folgen Auch Jonas Hartelius, Generalsekretär des schwedischen Carnegie Institutes in
Stockholm, wies auf die Folgen des Drogenkonsums hin. Er unterschied zwischen
individuellen, mikro- und makrosozialen Auswirkungen, wobei mit «mikrosozial» die Folgen
für die nähere soziale Umgebung des Süchtigen gemeint sind und mit «makrosozial» die
weiteren gesellschaftlichen. Besonders aufhorchen liess die Zuhörer die Aufzählung der Folgen für das weitere gesellschaftliche Umfeld, weil diese oft vernachlässigt werden: Drogen beeinflussen die Gesellschaft ganz allgemein durch die Entwicklung der Drogenkriminalität, durch offene Drogenszenen, die kaum mehr zu kontrollieren sind. Sogenannte «autonome» Gebiete entstehen, «in denen die Polizei kaum die Kontrolle des Drogenhandels oder anderer krimineller Handlungen aufrechterhalten kann. Platzspitz und Lettensteg in Zürich sind wohl bekannt, ebenso wie Christiania in Kopenhagen. In Gegenden, in denen Pflanzen für die Drogenproduktionen angebaut werden, wie beispielsweise in abgelegenen Dschungelgebieten in Südamerika, haben lokale «Befreiungsbewegungen» oder «Banditen» die Verwaltung und die finanzielle Kontrolle übernommen und können diese Gebiete ausserhalb der Regierungskontrolle halten.» Zu den makrosozialen Folgen zählte Hartelius auch im Alltagsleben ein «erhöhtes gesellschaftliches Risiko, da eine grosse Anzahl von unter Drogeneinfluss stehender Menschen Ursache von Unfällen, Kriminalität und von mit Drogen in Zusammenhang stehenden sozialen Unruhen sein kann. Das schafft ein Klima, wie zum Beispiel in New York in den frühen neunziger Jahren, als Menschen nicht mehr wagten, auf die Strasse zu gehen.» Kriminalität und Drogen Was den Bereich Kriminalität und Drogen angeht, liess der Berater des Sicherheitsrates der USA und Leiter des Drogenbekämpfungsprogramms, der heutige Sprecher des Repräsentantenhauses, Dennis Hastert, keinen Zweifel daran, dass dieser Zusammenhang nicht weg zu diskutieren ist und sehr bedenkliche Perspektiven eröffnet. Die Zahlen aus den USA sprechen eine eindeutige Sprache: «Bis zu 70 Prozent aller Gefängnisinsassen in den USA sind wegen Verbrechen verurteilt, die sie unter Drogeneinfluss begangen haben. 31 Prozent der Mörder in den USA standen zur Tatzeit unter Drogen. 80 Prozent der Kinderschänder stehen unter Drogeneinfluss. Eine Drogenlegalisierung erhöht nur die Zahl dieser Drogenkriminellen.» Hastert hatte am Freitag vor dem Symposium Heroin-Abgabestellen besucht, sein Kommentar dazu: «Für mich als Vertreter der US-Regierung ist es traurig, dass ein Land wie dieses hier einen derartigen Weg einschlägt.» Der Mythos der «Überlebenshilfe» Mit solchen Tatsachen kann man doch viele unüberlegte, voreilige Liberalisierungsfreunde nachdenklich stimmen. Es dauert dann in der Regel nicht lange, bis das Argument der «Überlebenshilfe» (in der Fachwelt spricht man von «harm reduction») eingebracht wird. Der Begriff Überlebenshilfe erzeugt spontan einen positiven Eindruck. Er lehnt sich an positiv besetzte Begriffe wie Lebensrettung (Erste Hilfe, Notfallmedizin) an. Viele Menschen sind überzeugt, dass man dem Drogensüchtigen mit Massnahmen der «Überlebenshilfe» wirklich helfen könne. Diese «Überlebenshilfe» ist jedoch nicht lebenserhaltend, sondern suchterhaltend. Die gut besuchte Vortragsveranstaltung «Kritische Aspekte zur Suchtverlängerung und Heroinabgabe» setzte sich mit Erkenntnissen über diese «harm reduction» auseinander. Hier gaben sich internationale Fachleute wie Professor Juan Negrete, Co-Direktor der Psychiatrischen Klinik und der Abteilung für Alkoholkranke am Montreal General Hospital in Kanada, Sue Rusche, Geschäftsführerin der amerikanischen Familienorganisation National Families in Action, Dr. Francis Thévoz, Arzt und Stadtrat von Lausanne, und AnnBritt Grünewald, schwedische Gefängnisdirektorin, das Mikrophon in die Hand. Der Aargauer Psychiater Hans Köppel erläuterte den Teilnehmern, wie zahllos die
Varianten sind, in denen in der Schweiz sogenannte Überlebenshilfe angeboten wird, aber
wie negativ auch die Auswirkungen sind: «Solche Massnahmen wurden in den grossen
Städten der Schweiz bereits in grossem Umfang verwirklicht: Spritzenbus, Job-Bus,
Lila-Bus für sich prostituierende Drogensüchtige, Notschlafstellen,
Betreutes Wohnen,
Krankenzimmer für Obdachlose, Fixerstübli, Gassenzimmer, niederschwellige
Methadonabgabe, Abgabe von Heroin in spritzbarer Form, Heroinzigaretten, Heroin in
Tablettenform usw. Ein ganzes Heer von Sozialarbeitern wird beschäftigt, viele Millionen
werden jährlich ausgegeben, ohne dass dem Drogensüchtigen wirksam geholfen wird. Statt
dessen sind Therapiestationen unterbelegt, und es fehlt ihnen am nötigen Geld.» Die Methoden der «harm reduction» würden die Gefahr erhöhen, zum Drogeneinsteiger zu werden, weil die Konsumbereitschaft in der Bevölkerung steige, so Köppel. So werde die wichtigste Stütze der Prävention, nämlich der Konsens in der Gesellschaft gegen Drogen, untergraben. Zu kritisieren seien jedoch nicht nur diese destruktiven Auswirkungen, sondern auch die Tatsache, dass unwissenschaftlich vorgegangen werde. Es gibt keine seriösen Untersuchungen, im Gegenteil: Die Daten aus anderen Ländern sprechen deutlich gegen die sogenannte Überlebenshilfe: «Das wohl gewichtigste Argument für die Überlebenshilfe war ihr angeblicher Wert für die HIV-Prävention. Dieser ist allerdings weder für die Spritzenabgabe noch für die Methadonabgabe belegt. Entgegen allen Behauptungen wurde dies in der Schweiz nie richtig untersucht. Forschungsberichte aus Holland haben gezeigt, dass noch nach fünf Jahren Methadonabgabe 80 Prozent der Methadonbezüger weiterhin Heroin und Kokain konsumieren und 40 Prozent von ihnen Spritzentausch betreiben und sich damit jedesmal in Gefahr bringen, sich mit dem Aidsvirus anzustecken.» Ignoranz statt Wissenschaft Über diese unseriöse Art von «Wissenschaft» zeigte sich u.a. Professor Juan Negrete sehr besorgt: «Eine derartige Ignoranz oder Missachtung der überwältigenden Beweise für neurobiologische Veränderungen als Ergebnis wiederholter Vergiftung und der offenkundigen Tatsache, dass eine Person, deren Gehirn so modifiziert wurde, die Fähigkeit verliert, frei zu handeln, kann kaum verstanden oder akzeptiert werden», empörte er sich. Es gebe so viele Fakten, die gegen die Schweizer Heroinversuche sprächen, aber man führe sie einfach weiter. Bei den Versuchen werde überhaupt nicht der natürliche Verlauf der Heroinabhängigkeit berücksichtigt. «Es ist bekannt, dass ein grosser Teil der Individuen, die diese Droge ausprobiert haben, nicht mit dem Konsum fortfahren, wenn sie weniger leicht zu erhalten ist. Das Beispiel der amerikanischen Soldaten, die in Vietnam dienten, kommt einem sofort in den Sinn.» Weiterhin weiss man, dass die Versuchspersonen gleichzeitig mehrere Drogen konsumieren. Kokainkonsum ist allgemein bekannt bei Methadonpatienten. Unter solchen Umständen kann man keine wissenschaftlich einwandfreie Kontrollgruppe untersuchen, wodurch die gewonnenen Daten nicht brauchbar sind. Negrete beendete seinen Vortrag mit den eindringlichen Worten: «Da es nicht möglich war, eine Nicht-Behandlungs-Kontrollgruppe als Vergleichsmassstab heranzuziehen und angesichts der Tatsache, dass es in diesen Versuchen keine Stichproben gibt, glaube ich, dass die Schweizer Studien keine befriedigenden Schlussfolgerungen erbringen werden bezüglich dessen, was das klinische Ergebnis für die Versuchsteilnehmer gewesen wäre, wenn sie nicht einer derartigen Behandlung unterzogen worden wären. Das ist wirklich ein grosser wissenschaftlicher Mangel.» Tote werden in Kauf genommen Der Lausanner Arzt Francis Thévoz befasste sich in seinem Vortrag ebenfalls mit den Heroinversuchen. Er erklärte den Zuhörern, dass es heute wissenschaftlich klar sei, dass durch wiederholte Injektion von Heroin das Immunsystem erheblichen Schaden nehme, ja langsam zerstört werde. Obwohl das auch in der Schweiz, und auch beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), bekannt sei, würden Heroinprogramme auch mit HIV-Infizierten weitergeführt: «Man setzt weiter die experi-entelle Injektion von solchen Substanzen bei süchtigen HIV-Positiven fort, die also wahrscheinlich durch den Verlust des gesamten Immunsystems sterben werden.» Nicht einmal die Unschädlichkeit von Methadon in Bezug auf das Immunsystem sei einwandfrei erwiesen, und trotzdem würden die Programme zum Einsatz gebracht. Thévoz forderte: «Aufgrund der grossen Wahrscheinlichkeit, dass eine immunosuppressive Wirkung von Opiatinjektionen den Ausbruch der Krankheit sowie den Tod durch das HIV-Virus beschleunigt, darf eine Überlebenshilfe durch die Verabreichung solcher Substanzen erst nach der Durchführung einer wissenschaftlichen Studie erfolgen, bei der die üblichen Regeln der experimentellen Medizin und die damit verbundenen üblichen Vorsichtsmassnahmen beachtet werden . . . Die Studie muss es ermöglichen, die Unschädlichkeit der Versuchsinjektionen von Opiaten für das Immunsystem der Patienten zu belegen oder aber eine immunosuppressive Wirkung zu objektivieren. Vom strikt ethischen und wissenschaftlichen Standpunkt her muss die Objektivierung einer solchen immunosuppressiven Wirkung die sofortige Einstellung jeglicher Opiatinjektionen zur Folge haben.» Der schwedische Epidemiologe und Aids-Spezialist Dr. Michael Koch befasste sich ebenfalls mit den Heroinprogrammen. Er betonte die besondere Rolle der skandinavischen Länder. Einerseits seien sie zwar sehr liberal eingestellt, aber andererseits seien sie auch um einiges pragmatischer und lernfähiger als andere. Gerade der Umgang mit dem Drogenproblem zeige das. In Schweden seien alle Parteien zu einer restriktiven Politik umgekehrt, als sie die verheerenden Auswirkungen der Drogenliberalisierung erkannt hatten. Koch konnte in erschreckender Klarheit zeigen, dass sich in den zehn Jahren zwischen 1985 und 1995 die Häufigkeit der HIV-Neuinfektionen bei Drogensüchtigen in Schweden und in der Schweiz genau gegenläufig entwickelt haben. 1995 hatte man in Schweden nur noch 19 neue HIV-Infektionen und 27 neue Aids-Fälle unter Drogensüchtigen. In der Schweiz dagegen hat man seit 1991 kontinuierlich pro Jahr 250 bis 300 neue Fälle zu registrieren. Man konnte zeigen, dass es bei Fixern in Stockholm keine Neuinfektionen mehr gibt. 1995 lag die Zahl der Neuinfizierungen unter Fixern bei 0 Prozent. Das zeigt mehr als deutlich, dass eine restriktive Drogenpolitik weit besser ist als «Überlebenshilfe». Diese führe zu Suchtverlängerung. Die Drogensüchtigen setzten sich immer weiteren Risikosituationen aus, was eben die hohe Quote an Neuinfizierten in der Schweiz erkläre. Kanadische Forscher betrachten die Teilnahme an einem Spritzenaustauschprogramm sogar als eigenständigen Risikofaktor für eine HIV-Infektion. In anderen Bereichen des Lebens, so Koch, seien solche Zusammenhänge schon längst bekannt. «Sinkender Preis und zunehmende Verfügbarkeit steigern den Umsatz einer Ware. Das gilt in der ganzen Welt, für alle Arten von Waren. Insbesondere für solche, die ihre eigene Nachfrage selbst steigern: Zigaretten, Alkohol, Beruhigungs-, Schmerz- und Schlafmittel. Bislang spricht nichts, aber auch gar nichts dafür, dass dieser empirische Grundsatz nicht auch für andere suchterzeugende Substanzen gilt.» Erfolgreiche Entzugsstation mitten in New York Konsequenz all dieser Erkenntnisse kann nie eine «harm reduction» sein, sondern nur eine Entzugstherapie, die auf Abstinenz ausgerichtet ist. Die Erfolge solcher Entzugsstationen sind längst belegt. In Zofingen berichteten einige ihrer Leiter davon. Die Zuhörer folgten aufmerksam den eindrücklichen Schilderungen von Dr. Andrea Muccioli, dem Leiter von San Patrignano (Norditalien), der grössten abstinenzorientierten Therapiestelle Europas. Aus den Vereinigten Staaten war Robert Polito anwesend, der mitten im drogenverseuchten New York erfolgreich eine abstinenz-orientierte Entzugsstation mit 80 Patienten führt. Die Station war erst kürzlich als eine der besten 50 Therapiestationen der USA geehrt worden. In seinem Vortrag «Die Theologie und Spiritualität des Übergangszentrums der Bowery Mission (BMTC)» stellte er seine Einrichtung und ihre Arbeitsweise vor. Mission, Bekehrung und Drogentherapie sind hier aufs engste verwoben. «Es entsteht häufig ein Problem, wenn die neuen Christen anfangen zu glauben, ihr Kampf sei vorbei, und dass ihre Erholungsphase vorbei sei, sobald sie Christen geworden sind. Zu diesem Zeitpunkt gibt es kein Rezept, um den Menschen selbst gegen die Macht der Sucht zu schützen. Die Zeit vergeht, und die Sucht kommt, und natürlich hat er keinen Ort in Reichweite, wohin er im Notfall flüchten kann. Dann hat er einen Rückfall, ist wieder auf der Strasse - ohne Kontakt zu Gott und der Kirche, weil er seine Anfälligkeit für die Sucht und sein neues Leben als Christ nicht versteht. Ich glaube, dass Gott uns als wichtigste Waffe dagegen anweist, eine Gemeinschaft aufzubauen, in der Freundschaft Priorität hat und deren Früchte dann die folgenden sind: Ehrlichkeit, Beichte, Verletzbarkeit, Loyalität, Akzeptanz und Vergebung. Augustinus sagte, das Wissen über dich selbst bewirkt Demut, und die Liebe Gottes führt zur Nächstenliebe. Der Süchtige erfährt, dass er eine schwere Seelenkrankheit hat. Und dass er nur durch die Verbindung zu Gott, durch Berufung, Beichte, Gebet und Teilnahme in einer Glaubensgemeinde eine Hoffnung hat, ein gesundes Leben aufrechtzuerhalten.» Bei der Schweizer Arbeitsgemeinschaft Christlicher Lebenshilfen (ACL) steht ebenfalls die christliche Lebensführung ganz im Zentrum. Pfarrer Christoph Meister bekannte in seinem informativen Beitrag: «Für uns Christen ist die Erfahrung entscheidend, dass Gott sich selbst mit uns auf die Suche macht nach den verlorenen Söhnen und Töchtern unserer modernen Gesellschaft, dass er jede Person, die den Weg der Umkehr unter die Füsse nimmt, von Ferne schon sieht, ihr entgegeneilt, um den Hals fällt und als sein Kind in die Arme schliesst, wie es Jesus Christus im Gleichnis erzählt. Dieses Erleben der Aktivität Gottes gibt uns Mut und Überzeugungskraft, in der abstinenzorientierten Gassenarbeit weiterzufahren trotz aller ideologischen und politischen Gegen-winde. Wir von der ACL sind überzeugt und erleben es zum Teil schon auf ganz erstaunliche Art und Weise, dass der innere Hunger und Durst nach echtem Leben bei immer mehr Drogenabhängigen zu einer Wende führt, so dass sie selber der Liberalisierungswelle den Rücken kehren und die ihnen von Gott angebotene Chance zu einem Leben in Freiheit ergreifen.» Dass selbst das Gefängnis für Drogensüchtige ein Ort mit positiven Perspektiven sein
kann, zeigte der Bericht von AnnBritt Grünewald, der Direktorin des Österåker
Gefängnisses in Schweden. Dort können drogensüchtige Häftlinge in sieben strikt
drogenfreien Abteilungen von den Drogen wegkommen und sich nach der Haftzeit als wirklich
freie Menschen wieder in die Gesellschaft eingliedern. Die rege Inanspruchnahme des Mikrophons zeigte, wie gross das Interesse der Zuhörer an dieser und anderen Runden war. Immer wieder wurde zum Ausdruck gebracht, wie froh man darüber war, dass sich Politiker, Wissenschafter und Experten an einen Tisch setzten, ihre Erfahrungen austauschten und offen für Fragen jeder Art waren. Nicht nur die Zuhörer, auch zahlreiche Referenten selbst gaben ihre Anerkennung zum Ausdruck über das hohe Niveau und die beachtliche Vielfalt der Beiträge. Die Politiker bedankten sich für die Gelegenheit, mit Wissenschaftern und Parlamentariern aus Frankreich, Italien, Schweden, Deutschland, den USA und dem Europäischen Parlament Erfahrungen auszutauschen und Fragen zu diskutieren. Alle waren sich einig mitzuhelfen, auf dass der Damm gegen Drogen nicht gebrochen werde.
Drogen negieren die MenschenrechteWarum die Rauschgiftabgabe unmenschlich ist
Jeanne Hersch Ich werde Sie vielleicht enttäuschen, denn ich werde Ihnen nicht sagen können, was man genau tun soll und was nicht. Ich werde Ihnen eine einzige Sache sagen, nur eine. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben einen Vortrag zu halten versucht, der sich nur mit einer Sache beschäftigt. Ich will Ihnen nur eines erklären, aber dieses Eine ist nicht leicht. Dieses Eine ist folgendes: Ich glaube, dass es zum Drogenproblem keine rein technische, äussere, rechtliche Lösung gibt. Die Diskussion kann so und so umkippen. Was aber nicht umkippen darf, das ist die Vorstellung darüber, was ein Mensch ist und was ein Mensch sein soll. Im Empirischen kann ich mit einem Arzt, der irgendeine Lösung vorstellt, mit der ich nicht einverstanden bin, nicht streiten. Er sagt mir: «Ich bin Arzt. Der junge Mensch ist zu mir gekommen, und er braucht Hilfe. Und diese Hilfe habe ich, d. h., ich habe Methadon oder etwas anderes, das ihm wenigstens eine Zeitlang – erlauben würde, weiter zu arbeiten und zu leben. Das darf ich ihm nicht verweigern. Deswegen gebe ich es ihm.» Könnte ich es wagen, ich, aus meiner Unkenntnis heraus, zu sagen: «Sie dürfen das nicht tun!»? Ich glaube, dass sich viele unserer Zeitgenossen in dieser Situation befinden. Als Antwort auf das, was ich nicht zurückweisen kann, darf ich jedoch nicht einfach schweigen oder leugnen. Deswegen muss ich mich in meinem Vortrag an Ihr Gewissen wenden: Beim Menschen ist es nie so, dass man etwas Existentielles, Lebensentscheidendes lösen kann durch einfache Technik, durch eine medizinische Lösung. Die Frage stellt sich anders: Was steht menschlich auf dem Spiel? Worum geht es für diesen jungen Menschen als Mensch, nicht als Esel oder als Kuh oder als irgendein Tier, sondern als Mensch? Man muss bis zu dem Punkt durchdringen, wo der Mensch sagt: «Ich tue es nicht, ich nehme es nicht, was auch die Folgen sind. Es ist gegen meine menschliche Würde, es ist gegen mein Menschsein, dass man mich mit einem rein chemischen Mittel retten will. Ich bin nicht so ein Wesen, das man mit einem chemischen Mittel retten kann. Wenn es um etwas rein Physisches ginge, dann wäre es vielleicht möglich – aber auch da ist es nicht immer der Fall.» Dort, wo der kranke junge Mensch als solcher auf dem Spiel steht, sein Gewissen, seine Freiheit, darf keine Lösung angeboten werden, aus der vielleicht später eine unmenschliche Situation entsteht. Die Schwäche im Kampf gegen die Droge in unserem Lande und in anderen Ländern ist nicht zufällig. Ich glaube, der Grund liegt nicht allein darin, dass viele Leute in irgendeiner Weise ihren Profit daraus ziehen, was auch der Fall ist, sondern darin, dass der Sinn für das entscheidend Menschliche bei uns allen geschwächt ist. Da sind Schlangen in unserer Gesellschaft – die Droge ist eine davon. Die sind sehr geschickt, wie Schlangen eben sind. Es gibt gescheite Schlangen, die ihre Kraft aus unserer Schwäche ziehen, die einen Sinn dafür haben, was im Menschlichen entscheidend ist. Und was ist das? Im Menschlichen ist entscheidend, dass der Mensch frei ist, dass er entscheidet, was er tut. Vielleicht entscheidet er auch nicht, aber er könnte entscheiden. In der Folge ist er auch dafür verantwortlich, wie er entscheidet. Die Fähigkeit, entscheiden zu können, ist die Grundlage dafür, dass die Völkergemeinschaft für die ganze Erde – jedenfalls im Wort – proklamiert hat, dass die Menschen Rechte haben. Warum hätten die Menschen sonst besondere Rechte? Andere Tiere haben auch alles, was wir haben, ausser dieser Fähigkeit, selbst zu entscheiden. Diese Menschenrechte sind in der zeitgenössischen Auffassung des Menschen so wichtig geworden, dass man sie für wichtiger als alle Gesetze hält, sie sind zur Grundlage aller Gesetze geworden. Die Gesetze sind da, um die Menschenrechte zu unterstützen. Wir Schweizer hätten eigentlich die Pflicht, das besser zu verstehen als andere. Deswegen ist es eine reine Perversion des Denkens, wenn man behauptet, es gehöre zu den Menschenrechten, Drogen konsumieren oder nicht konsumieren zu dürfen. Das stimmt nicht! Die Droge negiert die Menschenrechte, indem sie leugnet, dass man letztlich nicht von einem Arzt die Erlaubnis bekommt, sondern vom eigenen Gewissen. Weil der Mensch verantwortlich entscheiden kann – und da er kann, soll er –, hat er die Pflicht, ein entscheidendes Wesen zu sein. Das ist, was wir nicht loswerden können. Diese Verbindung gilt seit dem Tag, an dem der Mensch geschaffen wurde. Natürlich können wir den jungen Menschen sagen: «Geh doch zum Arzt. Er wird dir geben, was technisch dazugehört.» Aber dann muss jeder selbst entscheiden: «Willst du das nehmen oder nicht? Willst du, dass eine chemische Substanz darüber entscheidet, was aus dir wird? Kannst du so etwas annehmen? Wenn du 14, 15 Jahre alt bist, nimmst du von den Eltern sehr schwer an, dass sie darüber entscheiden, was sie für dich für gut halten. Du würdest aber von einer chemischen Substanz akzeptieren, dass sie entscheidet, was aus dir später werden soll? Kannst du dich vor der Droge beugen? Kannst du annehmen, im fundamentalsten Sinne aufzuhören, ein Mensch zu sein?» Das ist es, was auf dem Spiel steht. Das ist der Punkt, wo ich es mir vor jedem Arzt erlauben würde, obgleich ich nichts davon verstehe, zu sagen: «Nein, hier entscheiden nicht Sie. Hier entscheidet der freie Mensch, der freie verantwortliche Mensch.» Das ist nicht der Mensch, der faktisch frei ist, sondern der faktisch weiss, dass er das werden kann, und der nicht das Recht hat, auf sich selbst zu verzichten. Ich finde, dass man dieses Gefühl, dieses Ur-Gefühl, im Kleinen üben sollte, im Kindergarten, in der Kinderklasse: «Du kannst entscheiden. Willst du, dass es so oder so ist?» Und allmählich wird im Kinde selbst die Fähigkeit wachsen zu wählen, etwas anderes nicht annehmen zu können, das heisst, Demokrat sein. Ein Demokrat zu sein, glaube ich, ist nichts weniger als das. Wer nicht sieht, dass man – wie schwer es auch ist – selbst dafür verantwortlich ist, aus sich einen freien Menschen zu machen, hat noch niemanden erzogen. Wer das versteht, versteht auch, dass diese Überzeugung stärker ist als irgendein Wissen, als irgendwelche Autorität, als irgendwelcher Sophismus. Das ist die einzige Sache, die ich Ihnen heute sagen wollte. Ehe ich hierher kam, habe ich einige Erklärungen von Ärzten gelesen, von Leuten, die natürlich glauben, dass sie recht haben. Ich habe keine Spur von diesem Gedanken darin gefunden. Es scheint, dass man in unserer Gesellschaft nicht mehr daran denkt, dass man in erster Linie einen Menschen retten muss. Und was bedeutet, einen Menschen zu retten, nicht irgendein Tier? Das bedeutet, nicht einfach am Leben zu erhalten, als wäre es irgendein Lebewesen. Wenn es gelingt, diesen Zusammenhang wieder lebendig werden zu lassen, dann wird keine Schlange mehr mächtig, dann wird dies allmählich verschwinden. Meiner Ansicht nach läutet eine Alarmglocke. Eine Alarmglocke, damit wir uns wieder nur an das Wesentliche halten, aus dem wir Menschen sind.
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