Ist Cannabis ein Medikament ?


Seit über 20 Jahren wird in den Vereinigten Staaten Cannabis zur Erleichterung einer ganzen Reihe von Beschwerden propagiert. Cannabis helfe bei chronischen Schmerzzuständen, zur Appetitanregung bei Aidspatienten und Krebskranken, gegen Übelkeit und Erbrechen (ausgelöst durch die Chemotherapie), bei Asthma, Glaukom (erhöhter Augeninnendruck) und bei multipler Sklerose. Viele Cannabisraucher berichteten, dass ihre Symptome gemildert werden konnten und dass sie sich durchs Rauchen besser fühlten. Auf Grund von Volksabstimmungen wurde den Ärzten in 10 Bundesstaaten der USA erlaubt, Cannabis als Medikament zu verschreiben.

Viele Fragen sind offen geblieben:

  • Ist Cannabis überhaupt wirksam?
  • Kann man das Krebsrisiko durch Rauchen von trockenen Pflanzenteilen mit Hunderten von chemischen und teils krebserregenden Stoffen in Kauf nehmen?
  • Sollte man nicht zuwarten, bis der Wirkstoff in reiner Form vorhanden ist und als Tablette oder als Tropfen eingenommen werden kann?
  • Wie ist es mit den Nebenwirkungen?

Die wichtigste Frage ist:


Erfüllt Cannabis die strengen Auflagen der Gesundheitsbehörden, um als Medikament zugelassen zu werden?

Cannabinoide

Cannabis besteht aus den getrockneten, unbefruchteten weiblichen Blüten und Blättern des indischen Hanfs. Die berauschende Wirkung der Hanfpflanze ist bedingt durch die darin enthaltenen 60 Cannabinoide, insbesondere das Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC), dessen biologischen Vorläufer Cannabidiol (CBD) und das THC-Abbauprodukt Cannabinol (CBN). Diese Substanzen stimulieren die Cannabinoid-Rezeptoren im zentralen Nervensystem des Organismus. Die körpereigenen Aktivatoren dieser Rezeptoren heissen Endocannabinoide und spielen eine wichtige Rolle bei der Modulation vieler neuronaler Prozesse.

Körpereigene Cannabinoide



Erst vor 15 Jahren wurden beim Menschen die Cannabisrezeptoren CB1 und CB2 entdeckt. Der menschliche Körper besitzt mehr CB1-Rezeptoren als Dopamin-, Serotonin- und Noradrenalin-Rezeptoren insgesamt. Der körpereigene Stoff, der an diese Rezeptoren andockt und dort seine Wirkung entfaltet, ist das Anandamid.

Die Rolle des Annandamid-Rezeptorensystems im menschlichen Körper ist weiterhin unklar.

Die grösste Zahl von CB1-Rezeptoren, an denen Anandamid und THC andocken, befinden sich im Gehirn. Die CB1-Rezeptoren sind vor allem im Frontalhirn (Motivation, Planung) und in den Basalganglien und im Kleinhirn (verantwortlich für Bewegungskoordination) lokalisiert. Im limbischen System sind diese Rezeptoren vor allem im Hypothalamus (Regulation der Nahrungsaufnahme und des Körpergewichts) vorhanden. Auch im Hippocampus (Gedächtnis) sind viele dieser Rezeptoren vorhanden. Das verhältnismässig spärliche Vorhandensein im Hirnstamm, wo das Atemzentrum liegt, erklärt, warum man nicht an einer Überdosis von Cannabinoiden sterben kann.

Die CB2-Rezeptoren sind in den meisten Körperorganen verteilt, speziell in der Milz, den Hoden und den Immunzellen.
 

Aufnahme von Cannabis in den Körper

Cannabis bzw. THC können auf verschiedenen Wegen im Körper aufgenommen werden:
  • Rauchen führt zu einer raschen Aufnahme in den Körper mit unmittelbar hoher Plasmakonzentration. Besonders nachteilig ist die Inhalation von dreimal mehr Teer in die Lunge als beim Zigarettenrauchen.

    Die Folgen des Cannabisrauchens sind etwa vergleichbar mit den Folgen von starkem Zigarettenrauchen. So kann es zu Lungenbeschwerden kommen wie chronischer Bronchitis, Auswurf, Kurzatmigkeit, keuchendem Atem unabhängig von Erkältungen, Lungenentzündungen und Lungenkrebs.
     
  • Synthetisches THC als Pille, als Inhalation oder oraler Spray: Um die Einnahme eines Medikaments durch Rauchen zu vermeiden, wurde synthetisches THC als Pille, als Inhalation oder als oraler Spray getestet.

Marinol, synthetisches THC, ist als Pille seit 1985 zur Verschreibung in den USA zugelassen, ebenso als Nabilon in England und als Dronabinol in Deutschland. Es kann gegen Übelkeit bei Krebspatienten unter Chemotherapie und zur Stimulation des Appetits bei Aidskranken eingesetzt werden. Studien zeigten jedoch, dass geschlucktes THC in ganz unterschiedlicher Bioverfügbarkeit resultiert, d.h. die in den Körper aufgenommene Menge der Substanz ist nicht voraussagbar und variiert von Mensch zu Mensch.

Als oraler Spray ist ein Pflanzenextrakt von Cannabis seit kurzem in England unter dem Namen Sativex erhältlich. Bei Sativex ist die Bioverfügbarkeit konstanter als bei der Tablettenform.

THC als Zäpfchen führt zu einer guten Bioverfügbarkeit, konstanten Plasmaspiegeln und damit zu besserer Wirksamkeit, verglichen mit der THC-Tablette. Die Zäpfchen sind für Patienten, die unter Übelkeit und Erbrechen auf Grund von Chemotherapie leiden, sicherlich eine idealere Form der Einnahme. Bisher ist kein solches Präparat auf dem Markt.

Sobald das fettlösliche THC in den Körper gelangt, wird es ins fetthaltige Gewebe des Körpers aufgenommen und dort vorübergehend gespeichert. Die Halbwertszeit im Körper, d.h. die Zeit bis die Hälfte des THC wieder ausgeschieden ist, dauert ungefähr eine Woche. Eine derart lange Halbwertzeit erschwert das Dosieren und beinhaltet die Gefahr der Anhäufung der Substanz im Körper und von Vergiftungserscheinungen.

Entwicklung neuer Medikamente

Die weltweiten Standardanforderungen für die Zulassung eines Präparats als Medikament sind aus guten Gründen sehr hoch und basieren im Wesentlichen auf Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit.

1. Qualität

Anforderung: Entwicklung konstanter Dosierungsformen mit bis ins letzte bekannter Zusammensetzung. Ohne konstante Dosierungsformen können klinische Versuche nicht durchgeführt werden. Alle aktiven Inhaltsstoffe müssen identifiziert und ihre chemischen Eigenschaften müssen bekannt sein. Der Wirkstoff muss auf Reinheit getestet sein. Es gelten Höchstwerte für mögliche Verunreinigungen wie Pestizide, Bakterien und Pilze, Dünger und deren Abbauprodukte. Diese Tests müssen anerkannt und in jedem anderen Labor nachvollziehbar sein.

Cannabis enthält über 400 chemische Substanzen, deren Mengen je nach Anpflanzung und Sorte variieren. Viele dieser 400 Substanzen sind noch unbekannt. Auch die Konzentrationen von THC sowie der anderen Cannabinoide variieren. Aus diesen Gründen war es bisher nicht möglich, die Wirkkomponenten zu standardisieren. Cannabis ist häufig mit Mikroben, Pilzen, Düngemitteln und Pestiziden verunreinigt.

Alle Literaturübersichten über Cannabis oder THC bemängeln, dass unterschiedliche Zusammensetzungen der Testsubstanzen angewendet wurden. Einige Studien wurden mit Cannabis, andere mit synthetischem THC wie Marinol oder Nabilon, mit Cannabinol oder mit intramuskulär gespritztem Lenonantradol durchgeführt.

2. Sicherheit

Die gesundheitlichen Folgen des Rauchens von Cannabis sowie die sich entwickelnden psychischen Probleme und die Abhängigkeit sind schwerwiegend.

  • Körperliche Gesundheit
    Das hauptsächliche Risiko ist die Lungenschädigung. Es werden Hunderte krebserregende Substanzen inhaliert. Daraus resultiert ein erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen der Atemwege und chronische Lungenschäden.

    Cannabis als auch synthetisches THC haben unerwünschte Auswirkungen auf das Gehirn. Sie verursachten u.a. Aufmerksamkeitsstörungen, Gedächtnisprobleme sowie Wahrnehmungsstörungen und beeinträchtigen die Bewegungskoordination. All diese Auswirkungen haben einen negativen Einfluss auf das Fahrverhalten im Strassenverkehr und auf die Sicherheit an vielen Arbeitsplätzen. Wegen der langen Halbwertszeit ist z.B. auch das Arbeiten mit Industrie- und Baumaschinen, im Bahnbereich und in Chemie- und Kraftwerken risikoreich.

    Weitere Folgen des Cannabiskonsums sind Beeinträchtigungen des Hormon- und des Immunsystems. 
  • Psyche: Folgen des Cannabis-Rauchens können generalisierte Angststörung, amotivationales Syndrom, Panikattacken, Verfolgungsideen, psychotische Symptome und der Ausbruch von Schizophrenie sein. Cannabis führt einerseits zum Ausbruch von Schizophrenie bei Prädisposition, andererseits kann es bei bereits vorhandener Schizophrenie deren Symptome verstärken.
  • Abhängigkeit: Es treten Entzugssymptomen auf wie Ruhelosigkeit, Erregbarkeit, leichte Angetriebenheit, Schlaflosigkeit, Übelkeit und Krämpfe.
  • Schwangerschaft/Elternschaft: Kinder von Cannabis rauchenden Müttern sind kleinwüchsiger, haben Lern- und Verhaltensprobleme und ein 10mal höheres Risiko, an Leukämie zu erkranken. Hinzutreten können Probleme, wenn Eltern auf Grund des Drogenkonsums ihren Erziehungsaufgaben nicht gerecht werden können.

3. Wirksamkeit

Die Wirksamkeit einer Substanz wird jeweils in den klinischen Testphasen untersucht. Diese klinischen Testphasen sind immer Vorbedingung, damit ein Wirkstoff als Medikament zugelassen werden kann.

Die klinische Phase I untersucht die Wirkung an gesunden Testpersonen, um die Absorption im Körper, die Bioverfügbarkeit, die Halbwertszeit und die Ausscheidung aus dem Körper zu studieren.

Die klinische Phase II erforscht die Wirkung an Patienten auf verschiedene Symptome und Krankheiten sowie die wirksamste Dosierung.

In Phase III werden anzahlmässig grosse Gruppen von Testpersonen untersucht, um statistisch relevante Aussagen machen zu können. Zudem müssen Kontroll-gruppen geführt werden, die nur ein Placebo oder eine bisherige Standardmedikation erhalten. Die Untersuchung muss randomisiert und doppelblind sein.

Wenn alle diese Studien erfolgreich sind, d.h. der therapeutische Nutzen erwiesen ist und keine ernsthaften toxischen Wirkungen oder schwere unerwünschte Wirkungen aufgetreten sind, dann wird eine solche Wirksubstanz als Medikament anerkannt und von den Gesundheitsbehörden zugelassen.

Cannabis hat diese klinischen Testphasen nicht durchlaufen und wurde von keiner Gesundheitsbehörde als Medikament anerkannt. Die Anwendung ist deshalb nicht bedenkenlos, möglicherweise unnütz und mit Gesundheitsrisiken behaftet.

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